Auf der Beifahrerseite
Sie ist meine beste Freundin, wie man so schön sagt. Mit einem zwinkernden Auge. Zwischen uns gibt es immer ein leises Knistern. Wirklich näher gekommen sind wir uns trotzdem nie. Bis auf den Ausrutscher nach einer Party, der uns fast die Freundschaft gekostet hat. Wir sind uns danach ein Weilchen aus dem Weg gegangen. Um Gras über die Sache wachsen zu lassen.
Wir haben uns also nach langem wieder verabredet. Ich warte am Bahnhofsparkplatz auf sie. Da ist sie endlich. Immer noch genauso schick wie früher.
„Du bist spät“, sage ich.
„Ich weiß“, zwinkert sie. „Soll ich mich jetzt entschuldigen?“
„Schon ok. Lass uns reingehen.“
Wir stehen vor dem Eingang zum „Hauptbahnhof“. Das ist eine neue Bar in der Gegend. Eigentlich ist der neumodische Schnickschnack der Gastroszene nichts für mich. Ihr zuliebe tue ich es mir trotzdem an. Ich öffne ihr die Tür und wir betreten die Bar.
Drinnen ist die Luft stickig. Es riecht nach Parfüm und Rauch. Die Bar ist überfüllt. Junge Leute, Mittzwanziger, die sich rausgeputzt haben, um gesehen zu werden.
Wir gehen direkt zur Theke. Der Barkeeper kennt uns. Er ist ein guter Freund. Sie bestellt sich eine Weißweinschorle und ich einen Wodka Bull. Dazu noch zwei Jägermeister. Anschließend setzen wir uns in den hinteren Bereich der Bar. Sie fängt an zu erzählen, dass sie gerade aus Frankfurt kommt.
„Was zum Teufel machst du bitte in Frankfurt?“, frage ich sie.
„Tanzen“, antwortet sie und nimmt einen großen Schluck von ihrer Weißweinschorle. „Und du so?“
„Ich war nicht in Frankfurt tanzen, wenn du das meinst“, sage ich. Sie lacht.
„Bei mir ging nicht viel. Arbeiten und feiern. Mehr nicht“, fahre ich fort.
„Das ist wirklich nicht viel“, antwortet sie. „Aber hey, jetzt bin ich ja da. Also, was trinken wir?“
„Dasselbe wie eben“, sage ich.
Sie steht auf und geht zur Bar. Ich schaue ihr noch kurz hinterher, bis sie in der Menschenmenge verschwindet. Dann nehme ich mein Glas und trinke. Sie hat schon vorgeglüht, das merke ich. Ich bin hinterher. Da kommt sie auch schon wieder. Mit zwei Schnapsgläsern in der Hand schlängelt sie sich durch die herumstehenden Leute. Als sie Blickkontakt mit mir aufnimmt, zieht sie eine Schnute und bewegt sich, im Rhythmus zur Musik tanzend, an unseren Tisch.
„Da bin ich wieder“, sagt sie mit einem Lächeln.
„Schön“, sage ich.
Wir stoßen an, dann verschwindet der Jägermeister so schnell wie er kam.
„Also? Frankfurt?“, sage ich. „Wie kamst du dazu?“
„Ich hatte einfach Bock auf einen Tapetenwechsel. Musste mal raus. Weg von hier.“
„Verstehe ich“, sage ich. „Und wie war’s?“
„Kranke Geschichte“, sagt sie und rollt mit den Augen. Dann nimmt sie erneut einen Schluck von der Weißweinschorle und holt tief Luft, gefolgt von einem langgezogenen: „Also…“
Wir reden über Frankfurt, GoGo-Tanzen und Nachtclubs mit aufdringlichen Gästen. Ich höre zu und erzähle von meinen flüchtigen Bekanntschaften, vom Schreiben unter Drogeneinfluss und wie ein Gläschen Schnaps die Kreativität wieder anregen kann. Während wir uns unterhalten, gehen wir abwechselnd zur Bar, holen Getränke und Shots.
Der Abend ist schon weit fortgeschritten. Wir sitzen noch immer in der Bar, als sie mich plötzlich anschaut und sagt: „Ich will tanzen gehen.“
„Was? Jetzt? Okay“, höre ich mich sagen. Es gibt nur einen Club in der Gegend.
„Wir können zusammen fahren“, sagt sie. „Lass einfach dein Auto stehen.“
„Kommt gar nicht in Frage“, sage ich. „Ich kann noch fahren.“
„Jetzt stell dich doch nicht so an.“
„Ich fahre selbst“, sage ich.
„Du hast genau so viel getrunken“, antwortet sie.
„Ich fahre selbst“, wiederhole ich mich.
Wir verlassen die Bar angeheitert und gehen zum Parkplatz am Bahnhof, wo wir uns getroffen haben. Wir verabreden uns vor dem Club. Ich gehe zu meinem Auto und öffne die Tür. Mir ist etwas schwindelig. Der Blick ist leicht verschwommen. Ich starte den Motor und fahre los. Dann öffne ich das Fenster. Ein bisschen frische Luft tut jetzt gut. Der Club ist nur einen Katzensprung entfernt. Ehe ich mich versehe, stehe ich auch schon davor und warte auf sie.
Ich warte noch weitere zehn Minuten. Ein ungutes Gefühl macht sich breit. Sie sollte längst da sein. Also nehme ich mein Handy und rufe sie an.
„Hallo?“, klingt es leise.
„Wo bleibst du?“, frage ich.
„Du, ich glaube, ich komme doch nicht mehr“, sagt sie.
„Was soll das denn jetzt, bitte?“, antworte ich.
„Mir ist da was passiert“, sagt sie. „Ich hatte einen kleinen Unfall.“
„Was? Wo bist du?“
Sie erklärt mir mit zitternder Stimme, wo sie gerade ist. Es ist nicht weit vom Club. Genau genommen fast um die Ecke. Ich denke nicht nach und laufe los.
Ich komme schließlich verschwitzt und außer Atem an der Unfallstelle an. Dort sehe ich auch schon, was geschehen ist. Sie ist frontal mit der Beifahrerseite ihres Autos in einen parkenden LKW gefahren. Dem Zustand des Autos nach ist sie ungebremst reingefahren. Die Beifahrerseite ist völlig eingequetscht. Das wäre mein Platz gewesen.
Wo ist sie eigentlich?
Ich rufe sie. Mein Rufen hat eine Gruppe junger Männer auf mich aufmerksam gemacht.
„Da wirst du wohl kein Glück haben“, sagt einer der Männer. „Die ist weg. Wir haben das Auto an den Straßenrand geschoben.“
„Habt ihr gesehen, wo sie hin ist?“, frage ich den Mann.
„Taxi“, antwortet ein anderer.
Ich nehme mein Handy und rufe sie erneut an. Es klingelt drei, viermal.
„Ja?“, antwortet sie schließlich. Im Hintergrund ist laute Musik zu hören.
„Wo zum Teufel bist du?“, versuche ich das Dröhnen des Basses zu übertönen.
„Im Club“, sagt sie. „Ich muss runterkommen.“
„Du spinnst doch. Warte da. Ich komme.“
Ich entferne mich vom Unfallort. Im Hintergrund sehe ich auch schon das Blaulicht der Polizei. Besser, wenn ich jetzt verschwinde. Ich laufe wieder zurück zum Club. Dort angekommen, sehe ich sie schon vor dem Eingang stehen. Die Türsteher flirten mit ihr.
„Komm“, sag ich. „Wir müssen los. Die Polizei sucht dich wahrscheinlich schon.“
„Fuuuck“, seufzt sie und torkelt mir entgegen.
„Ja, Scheiße“, sage ich. „So dürfen sie dich auf jeden Fall nicht sehen.“
Wir steigen in ein Taxi und fahren zu mir. Wir reden kein Wort, bis wir da sind.
„Hier. Trink. Damit du nüchtern wirst.“ Ich reiche ihr ein Wasser. „Die Polizei hat sicher schon dein Kennzeichen überprüft. Die suchen bestimmt schon nach dir“, sage ich. Fahrerflucht mit Alkohol am Steuer. Das kann noch übel enden.
„Was ist da vorhin genau passiert?“, will ich wissen. Sie trinkt das Wasser und murmelt etwas vor sich hin, dann schläft sie auf der Couch ein. Ich ziehe ihr noch die Stiefel aus und lege mich dann erschöpft neben sie. Das Bild der Beifahrerseite erscheint mir noch einmal vor meinen Augen. So eingedrückt wie sie war, ich hätte keine Chance gehabt. Es war der pure Leichtsinn, der mich dazu brachte, selbst zu fahren statt in ihr Auto zu steigen. Die Ironie an der Sache ist, derselbe Leichtsinn, der mir das Leben gerettet hat, hätte sie ihres fast gekostet. Ich denke noch etwas über den Abend nach, dann schlafe ich auch ein.
Sie stubst mich an. Ich wache auf. Von draußen scheint das Morgenlicht ins Zimmer.
„Du, ich gehe jetzt“, flüstert sie. „Meine Mum hat schon zwanzig Mal angerufen.“
„Wieso das? Weiß sie was passiert ist?“, frage ich sie.
„Ja. Die Polizei hat sie aus dem Bett geklingelt heute Nacht. War ja ihr Auto.“
„Ach, du Scheiße“, sage ich.
„Ich werde jetzt zur Polizei gehen und sagen was war“, sagt sie.
„Bist du dir sicher?“, frage ich sie. „Du hast immer noch eine ganz schöne Fahne.“
„Besser wird’s nicht“, antwortet sie mir. „Eher schlimmer.“
Ihre Stimme klingt gebrochen.
„Soll ich dir nicht erstmal einen Kaffee machen?“
Ich habe ein schlechtes Gefühl dabei, sie in dem Zustand gehen zu lassen, bin aber selbst noch zu platt, um überhaupt einen klaren Gedanken zu fassen.
„Schon okay. Bleib liegen. Ich finde allein raus. Ist ja nicht das erste Mal.“ Ihren Humor hat sie jedenfalls nicht verloren.
Sie zieht ihre Stiefel an, dann verlässt sie die Wohnung.
Ich weiß bis heute nicht, wie sie es geschafft hat, auf dem Polizeirevier Rede und Antwort zu stehen. Wir sind beide mit einem blauen Auge davongekommen. Jeder auf seine Art.